Der heilige Benedikt
Obwohl die Kirche keinen Zweifel darüber aufkommen
lässt, dass Benedikt von Nursia zu ihren ganz großen Heiligen zählt –
ehrt sie ihn doch als Patriarch des abendländischen Mönchtums und als
Patron Europas - , so ist seine Gestalt trotzdem nicht leicht zu fassen.
Die Quellenlage zum Leben Benedikts erscheint dem Menschen des
zwanzigsten Jahrhunderts dürftig, und es bedarf des scharfen Auges, das
in die Tiefe blickt, um die Konturen zu schauen.
Am Ausgang der christlichen Antike und an der Schwelle zum Mittelalter
wird im Jahr 590 in Gregor dem Großen ein Mann zum Bischof von Rom
gewählt, der größte Gegensätze in sich vereinigt und der uns – zwei
Menschenalter nach Benedikts Tod – die einzigen biographischen Notizen
über diesen vermittelt. Zeit seines Lebens litt Gregor an der ihm
aufgeladenen Bürde und befand sich in einer steten Spannung zwischen
aktivem und kontemplativen Leben. Trotz intensiven politischen Handelns
blieb er immer auch Seelsorger. In solchem seelsorgerlichen Eifer
entschloss sich der literarisch begabte Papst, seinen Landsleuten das
Leben gottesfürchtiger Männer vor Augen zu stellen, um die ihm
anvertraute Herde zur Nachahmung anzuregen. Die vier „Dialoge“ benannten
Bücher, die Gregor um 593 verfasste, zeugen nicht nur von der großen
Allgemeinbildung des heiligen Papstes, sondern vor allem auch von der
Bildung seines Herzen, mit der er allenthalben die Hand Gottes im Leben
der Menschen erkennt. Gregor geht es darum zu beweisen, dass auch in
Italien fromme, gottesfürchtige Männer lebten, wie sie den Menschen
seiner Zeit aus dem Orient und dem benachbarten Gallien bekannt waren.
In Gesprächsform – einem in der Antike häufig gebrauchten literarischen
Mittel – erzählt der Papst seinem Gesprächspartner Petrus von den
heiligen Männern Italiens. Herzstück dieser Erzählungen ist das zweite
der insgesamt vier Bücher, das Gregor einem einzigen – nämlich Benedikt
– widmet, den er schon mit den ersten Worten einen „Mann von
verehrungswürdigem Lebenswandel“ (Dial.II, Vorwort) nennt.
Dieses Buch ist die einzige Textquelle, die vom Leben Benedikts
berichtet. Gregor selbst hat Benedikt nicht gekannt, sondern stützte
sich auf vier Gewährsmänner, einstige Schüler des Mönchsvaters. Papst
Gregor erzählt also Erzähltes. An das Werk des Kirchenvaters dürfen
deshalb nicht die Maßstäbe historisch-kritischer Wissenschaft angelegt
werden. Er will in seinen Dialogen von Gott reden, der sich groß zeigt
in seinen Heiligen; allein darauf kommt es ihm an. Aber bei intensiver
Beschäftigung mit dem Text können doch einige Daten, Ortsangaben und
Personen, die auch durch andere Quellen belegt sind, festgemacht werden.
Gregor hat seine Dialoge in der literarischen Form der Legende verfasst.
Daraus können Begebenheiten herausgelöst werden, die sich tatsächlich
ereignet haben, zeigen sich doch in einer Legende wesentliche
Charakterzüge eines Menschen in verdichteter Form. In ihr wird der
Wahrheitskern von Begebenheiten entfaltet und gedeutet; er tritt so
deutlicher ans Licht, als es bei Urkunden und Annalen möglich ist. Auf
der Suche nach dem Portrait Benedikts zeigt sich mehr und mehr sein
eigenes Werk als Schlüssel zu seiner Person. Manche Begebenheit aus den
Dialogen wird erst durch die Mönchsregel verständlich, wie andererseits
manches Regelwort mit Hilfe der Dialoge lebendiger wird, sagt Gregor
doch seltsam am Ende seines Berichtes über Benedikt:
...Inmitten der vielen Wunder, durch die der Mann Gottes in der Welt
glänzte, leuchtete er auch ganz besonders durch das Wort seiner Lehre
hervor. Denn er hat eine Regel für Mönche verfasst, einzigartig in
weiser Mäßigung, lichtvoll in ihrer Darstellung.
Wer sein Leben und seinen Wandel genauer kennen lernen will, der findet
in den Vorschriften der Regel alles, was er als Lehrmeister vorgelebt
hat. Denn der Heilige konnte nicht anders lehren, als er lebte. (Dial.
II,36)
Wird in diese Vorbemerkung, die den Blick auf die beiden Hauptquellen,
die Dialoge des Papstes Gregor und die Regel des Gottesmannes selbst,
gelenkt haben, noch das zeitliche wie kulturelle Umfeld einbezogen, so
lässt sich dann doch ein abgerundetes Bild vom Leben des Mönchsvaters
zeichnen.
Nursia und Rom
Benedictus entstammte einer angesehenen Familie in der Provinz, in
Nursia, und wurde zum Studium der Literatur nach Rom gegeben. (Dial. II,
Vorwort)
Nursia, das heutige Norcia, war im fünften Jahrhundert als Municipium
der Provinz Valeria bedeutender als heute und hatte wahrscheinlich einen
eigenen Bischof. Die Stadt Nursia liegt nicht gerade in einer besonders
begünstigten Klimazone Italiens. Ihre Einwohner lebten damals von
Viehzucht und Ackerbau und dem, was die ausgedehnten Wälder des
Berglandes schenkten. Benedikts Eltern gehören vermutlich zum dortigen
Landadel und waren so gebildet und wohlhabend, dass es dem Sohn möglich
war, zum Studium nach Rom zu gehen.
Alles, was wir von Benedikt wissen, lässt darauf schließen, dass er ein
Mensch war, der offenen Auges durch die Welt ging, und so dürfen wir
annehmen, dass er zweierlei Besonderheiten aus dem Land und der Zeit
seiner Kindheit mitnahm: Umherschweifende Gotenzüge plünderten auch das
kleine Nursia und ließen wohl schon in dem Knaben Friede, Gerechtigkeit
und gesichertes Leben an einem Ort als Werte erscheinen, für die es sich
einzusetzen lohnt. Andererseits aber wird die Eremitensiedlung, die es
unweit von Benedikts Heimatstädtchen gab, bereits das Kind mit einer
Lebensmöglichkeit konfrontiert haben, die anders war als die seiner
Väter, die aber doch mit dem in Einklang zu bringen war, was der Junge
als Kirche kennen gelernt hatte. Auch daran darf kaum gezweifelt werden,
dass Benedikt in Nursia getauft wurde und sich ihm so das Tor zum
kirchlichen Leben eröffnete.
Ein Letztes muss noch festgestellt werden, ehe wir Benedikt auf seinem
Weg nach Rom begleiten: Im Haus seiner Eltern hat der spätere
Mönchsvater selbst zuerst die Liebe einer Mutter und die Fürsorge eines
Vaters kennen gelernt. Gerade dies wird später eines der wesentlich-
sten
Elemente seiner Klosterregel ausmachen. Von daher kommt die Sensibilität
für „die Mahnungen des gütigen Vaters“ (RB Prol. 1)
Die Tradition nennt das Jahr 480 als Geburtsjahr des heiligen Benedikt
und seiner Schwester Scholastika. Wenn wir an diesem Datum festhalten,
dann wird Benedikt an der Wende vom fünften zum sechsten Jahrhundert
seinen Heimatort verlassen und sich nach Rom gewandt haben, um dort zu
studieren. Hatte der junge Mann in den plündernden Goten und durch
Nachrichten, die in das Sabinerland gedrungen waren, schon eine Ahnung,
dass die Welt aus den Fugen geraten war, so musste er jetzt in Rom
selbst alle Haltlosigkeit und Dekadenz der Zeit erleben. Das einst so
mächtige römische Reich war am Zusammenbrechen. Bereits zu Beginn des
fünften Jahrhunderts waren die Westgoten plündernd durch Italien
gezogen, hatten 410 unter Alarich Rom eingenommen und waren schließlich
weiter nach Südgallien und Spanien gekommen.
Nach der Ermordung von Kaiser Valentinian III (455) war der Untergang
des Imperium Romanum endgültig besiegelt. Odoaker, ein germanischer
Söldnerführer, nutzte die kaiserlose Zeit und machte sich 476 selbst zum
König von Italien, bis er seinerseits von Theoderich, dem Führer der
Ostgoten gestürzt wurde. Der starke Theoderich setzte sich auf den
römischen Thron, und so kehrte in politischer Hinsicht für einige
Jahrzehnte Ruhe ein.
Mit den Goten flammte dann die Kirchenspaltung neu auf, da unter ihnen
der Arianismus in Italien eine Nachblüte erlebte. Zwar hatte das Konzil
von Nicäa 325 Arius als Irrlehrer verurteilt, doch kursierte seine Lehre
noch lange in der Kirche. Die etwas ruhigeren Jahre unter Theoderich
brachten schließlich eine neue Gier nach Luxus und Wohlleben in die
Stadt Rom und verschonten damit auch den Klerus nicht. In der Zeit, da
Benedikt nach Rom zog, kam es im Jahre 498 zu einer Doppelwahl des
römischen Bischofs, was einen Kampf der Parteien mit sich brachte, der
einen jungen Menschen nicht gerade für die Kirche begeistern konnte.
Benedikt war von der Stadt, der Kirche, von den Schulen enttäuscht. Er
wandte sich ab und verließ die Großstadt, die ihm das Tor zum Leben
nicht hatte auftun können.
Subiaco
Benedictus war also entschlossen, das Studium aufzugeben und die
Einsamkeit aufzusuchen. Nur seine Amme zog mit ihm, die sehr an ihm
hing. Sie kamen zu einem Ort, der Enfide hieß. Dort nahmen ihn viele
geachtete Männer mit Liebe auf, und die beiden fanden eine Unterkunft
auf dem Kirchengelände von St. Peter (Dial. II,1)
Obwohl der junge Benedikt schon bald den römischen Lehrern den Rücken
gekehrt hatte, war der Aufenthalt in der Hauptstadt für ihn doch ein
Gewinn: Ihm war klar geworden, dass der Sinn des Lebens nicht in
Reichtum oder Macht – sei sie kirchlicher oder politischer Art –
besteht. Benedikt schloss sich zunächst in Enfide (Affile) im südlichen
Latium einer Asketengemeinschaft an. Unversehens geriet er, der der
Großstadt entflohen war, durch ein Wunder in den Mittelpunkt des
allgemeinen Interesses. So sah er keine andere Möglichkeit, als auch von
diesem Ort zu fliehen. Er tat es heimlich, ließ mit der Amme und der
dortigen Asketengemeinschaft den Kontakt zu seiner Familie wie auch zum
kirchlichen Leben zurück und fand eine neue Bleibe nicht weit von Enfide
in einer nur schwer zugänglichen Felsenhöhle bei Subiaco.
Dieser Rückzug aus der menschlichen Gesellschaft war in dieser Zeit
keine Ausnahmeerscheinung, da das Anachoretentum (Einsiedlertum) des
Orients längst auch in Gallien und Italien verbreitet war. Dennoch war
die Lebensform, die Benedikt wählte, besonders radikal, denn andere
Asketen bildeten oft eine lose Gemeinschaft, während Gregor nur einen
einzigen Mönch namens Romanus nennt, von dem Benedikt die Einführung in
das Mönchsleben erhielt.
In dieser Einsamkeit aber, fernab von den Menschen, fernab vom Leben der
Kirche, ereignete sich das wohl entscheidende Erlebnis im Leben
Benedikts. Hier in der Höhle von Subiaco traf ihn wieder der Anruf
Gottes. Der rigorose Asket hatte sich in seiner Abgeschiedenheit so sehr
vom kirchlichen Lebensrhythmus entfernt, dass er sogar das Osterfest
nicht wahrnahm.
Huldvoll erschien der Herr im Traumgesicht einem Priester, der etwas
weiter weg wohnte. Dieser hatte sich auf Ostern ein Mahl bereitet. Der
Herr sagte zu ihm: „Du machst dir ein Festmahl, und mein Diener da
draußen vergeht vor Hunger.“ Der Mann erhob sich sogleich und machte
sich am Osterfest selber mit den Speisen, die er für sich hergerichtet
hatte, auf den Weg zur bezeichneten Stelle. In steilen Schluchten, an
Hängen und auf schwierigen Wegen suchte er den Mann Gottes und fand ihn
zuletzt in seiner Grotte verborgen. (Dial. II,1)
In der Begegnung mit dem Priester erfährt der spätere Mönchsvater
Ostern: „Ja, heute ist für mich Ostern, weil ich das Glück hatte, dich
zu treffen.“ (Dial. II,1). Dabei lernte Benedikt, dass der einzige
angemessene Ort für die Gottsuche die Kirche ist und dass getrennt von
der Kirche Christsein nicht gelebt werden kann. Auch Anachoretentum kann
nur dann Frucht bringen, wenn es eingebunden bleibt in die Kirche, in
den Leib Christi.
Was an jenem Ostermorgen geschah, ist so groß, dass es – wie kein
anderes Ereignis im Leben des Heiligen – Niederschlag in der Mönchsregel
gefunden hat. Ostern ist das zentrale Fest im Leben nach der Regel, eine
Fastenzeit ist das Leben der Mönche hin auf dem Weg zu jenem Osterfest,
das kein Ende mehr kennt.
Der Priester hatte mit Benedikt gebetet und gegessen. Gemeinsames Gebet
und gemeinsames Mahl werden die Struktur für den Tagesablauf in der
Regel bestimmen. Von diesem Osterfest an war das Leben des einsamen
Gottsuchers verändert. Aber Benedikt musste erfahren, dass ein Leben in
der Verbindung mit Christus stets auch Teilhabe an seinem Kampf gegen
das Böse ist. Nur in solcher Sicht kann jene Begebenheit verstanden
werden, von der Papst Gregor berichtet: Benedikt erinnerte sich an
frühere Bindungen. Die Liebe zu einer Frau, die er einmal gesehen hatte,
wurde wieder lebendig. In sich selbst musste Benedikt einen
schmerzvollen Kampf bestehen, aus dem er geläutert hervorging. Fortan
galt für ihn „Der Liebe zu Christus nichts vorziehen“ (RB 4,21). Nachdem
Benedikt diese Versuchung überstanden hatte und in ihr gereift war,
waren auch die Voraussetzungen gegeben, anderen väterlicher Helfer zu
sein auf der Suche nach Gott und im Erlernen der Liebe zu Christus.
Häufig kamen jetzt rat- und hilfesuchende Menschen zu dem jungen
Eremiten. Zunächst waren es die Hirten und Bauern, denen er das
Evangelium erklärte, bis sich schließlich sein Ruf verbreitete und die
Asketengemeinschaft von Vicovaro bat, ihn als Abt vorzustehen. Da
Benedikts Vorstellungen der dortigen Gemeinschaft widersprachen, kam es
bald zu schweren Zerwürfnissen, und Benedikt entschloss sich, in seine
geliebte Einsamkeit zurückzukehren. Dort sammelten sich in dieser Zeit
erste Schüler um ihn. Für sie baute und organisierte er in Subiaco
mehrere kleinere Klöster, die alle unter seiner Oberleitung standen.
Männer verschiedenster Herkunft und Bildung schlossen sich dem
Mönchsvater an, was manche Schwierigkeiten mit sich bringen mochte.
Benedikt aber gelang es stets aufs neue, Einheit zu schaffen, den guten
Eifer zu wecken, die Blindheit der Herzen zu heilen und Angriffe des
Bösen zu entlarven und zu überwinden.
Nur wenige der ersten Mönche, die unter Benedikts Leitung standen, sind
uns durch die Dialoge Gregors bekannt. Maurus und Placidus stehen
stellvertretend für viele. An ihnen wird deutlich, dass in einer vom
Evangelium geprägten Gemeinschaft Menschen unterschiedlichen Charakters
und verschiedener Begabung einmütig miteinander leben können.
Bei der Betrachtung des Lebens in Subiaco zeigt der Seelsorger Gregor
auch, was die Macht des Gebets bewirkt. Er zeichnet Benedikt als einen
Mann des Gebets, der alles, was ihn bewegt, vor Gott trägt.
Von Benedikt, dem Gesegneten, ging Segen aus. Das erregte den Neid und
Missgunst, so dass der Mönchsvater einmal den liebgewordenen Ort
verlassen musste.
Die Liebe zum Vater unseres Herrn Jesus Christus griff in jener
Gegend weit und breit wie eine Feuersglut um sich. Viele gaben das Leben
in der Welt auf und beugten ihres Herzens Nacken unter das sanfte Joch
des Erlösers. Da begann der Priester einer benachbarten Kirche,
Florentinus (...), vom boshaften Erbfeind aufgestachelt, aus Eifersucht
das Auftreten des heiligen Mannes mit neidvollen Augen zu betrachten. (Dial.
II,8)
Der Priester Florentinus versuchte zunächst durch üble Nachrede, dann
durch ein vergiftetes Brot, den Segensstrom, der von Benedikt ausging,
zum Stillstand zu bringen. Als beide Versuche missglückten, ging er so
weit, dass er junge Frauen zum Kloster brachte, die dort ihre Körper zur
Schau stellten, um – wenn nicht Benedikt – so doch wenigstens seine
Jünger in Verwirrung und zu Fall zu bringen. Benedikt war in Sorge um
seine Brüder, obwohl er wusste, dass der Angriff ihm galt. In dieser
Erkenntnis folgte er wieder dem Ruf Gottes. Er machte sich noch einmal
auf den Weg und löste sich erneut von allem, um sich noch enger an
Christus zu binden. Auch der Tod des Priesters, der äußere Anlass für
das Fortgehen war, konnte ihn nicht zur Rückkehr bewegen. Die einzelnen
Klöster in Subiaco vertraute er von ihm eingesetzten geistlichen Vätern
an und zog selbst mit einigen wenigen Mönchen in südlichere Richtung auf
den Monte Cassino.
Monte Cassino
Bereits in vorchristlicher Zeit war der Monte Cassino zwischen Rom und
Neapel Ort eines heidnischen Heiligtums. Obwohl bereits zweihundert
Jahre vergangen waren, seitdem der erste römische Kaiser, Konstantin,
sich zum Christentum bekehrt hatte, stand auf dem Berg, den Benedikt
sich als den Ort neuen Beginns erwählte, noch immer das Heiligtum einer
heidnischen Gottheit. Die Überlieferung nennt das Jahr 529 als Zeitpunkt
für den Anfang benediktinischen Lebens auf dem Monte Cassino. Es ist das
Jahr, in dem die platonische Akademie in Athen – die Hochschule der
Antike – ihre Pforten schloss. „Als der heilige Mann fortzog, wechselte
er zwar den Wohnsitz, nicht aber den Feind“ (Dial. II, 8), sagt Papst
Gregor gleich in einer Überschrift, ehe er zu erzählen beginnt, was der
Gottesmann auf dem neuen und für seinen Lebensweg letzten Ort alles
erlebte.
Von Anfang an ist es ein Kampf wider den Bösen, den Benedikt führt, und
je mehr er kämpft, um so mehr wird er zum Mann des Gebets, wird er zum
Mann Gottes, zum Gesegneten, der dort auf Gottes Hilfe baut, wo sich
andere auf eigene Kräfte verlassen, der segnet, wo andere fluchen. Als
erstes riss der Abt von Monte Cassino die alten Kultstätten nieder, baute
zwei Oratorien und weihte das eine Johannes dem Täufer, das andere
Martin von Tours. Er wusste aber auch, dass es damit nicht getan ist,
und begann, den Menschen der Umgegend Christus zu predigen. Was in
Subiaco bereits begonnen worden war, setzte Benedikt in Monte Cassino
fort und gab seinen Söhnen und Töchtern durch die Jahrhunderte das
Beispiel der Missionierung in jener fruchtbaren Verbindung von Wort und
Tat.
Solches Tun des hl. Benedikt veranlasste den Widersacher zu erneuten
Angriffen, „Die der Feind aus eigenem Antrieb begann, durch die er aber
entgegen seiner Absicht jenem Gelegenheit zu Siegen gab“ (Dial. II, 8).
Schwierigkeiten zeigten sich beim Bau des Klosters. Der Versuch, einen
Felsblock wegzurücken, hemmte die Bauarbeit. Benedikt fand eine Lösung,
durch die der gewaltige Stein aus dem Weg geräumt werden konnte. Die
Mönche, Bauherrenstolz im Herzen, errichteten Mauern, die wieder
zusammenbrachen und einen jungen Bruder unter sich begruben. Benedikt
wandte sich betend an Gott, um den unter den Trümmern verschütteten
Jungen zu heilen und ihn wieder zu den arbeitenden Brüdern zurücksenden
zu können. Vom bösen Feind getäuscht, sahen die Brüder eine
Feuersbrunst, wo lediglich einige Funken sprühten. Da öffnete Benedikt
seinen Söhnen die Augen und befreite sie von jener ängstlichen
Nervosität, die vergessen lässt, dass es der Herr ist, der das Haus
baut.
Nachdem der äußere Aufbau trotz vieler Widerstände mit Gottes Hilfe doch
gelungen war und Benedikt daran ging, seine zunächst kleine, aber
ständig wachsende Gemeinde zu festigen, verlegte auch der Böse seine
Anschläge auf die Mönche und stiftete Verwirrung, wo immer es ihm
möglich erschien. Das Auge des Mönchsvaters erkannte, wo Gefahr drohen
konnte und wies die Seinen bereits da zurecht, wo das Laster seinen
Anfang nahm.
So sehr Benedikt sich auch zuerst um seine Brüder kümmerte, wusste er
sich doch auch verantwortlich für die Menschen, die in der Umgebung des
Klosters wohnten. Er sorgte sich unter anderem um Gemeinschaften von
Frauen und veranlasste, „dass regelmäßig Brüder zu ihnen gingen zu
Zuspruch und Erbauung“ (Dial. II, 19). Ähnlich half Benedikt vielen
Menschen in geistlicher wie materieller Not. In Zeiten des Hungers und
der Missernte wusste er Hilfe durch kluge Wirtschaft, verstand so
Getreide und Öl zu teilen, dass niemand hungern musste, aber auch
niemand im Überfluss lebte. Immer wieder predigte er denen, die Christus
nicht kannten, tröstete jene, die den Tod eines lieben Menschen
beklagten, und heilte, wenn menschliche Heilkunst versagte und nur noch
die Kraft des Gebetes helfen konnte. In jener Furcht, die der Anfang der
Weisheit ist, erzitterte er auch nicht vor dem gewaltigen König Totila,
dem er ohne Hemmungen seine Untaten vorwarf und sein Ende vorhersagte.
Insgesamt zeichnet der hl. Gregor in dem Teil seiner Bendiktsvita über
die Jahre in Monte Cassino das Bild eines Abtes, wie der Autor der Regel
selbst ihn sich vorstellt. Er ist der treusorgende Hirt der ihm
anvertrauten Herde, der weise Lehrer, der „alles Gute und Heilige mehr
durch Taten, als durch Worte“ (RB 2,12) zeigt. Er ist der gütige Vater,
welcher „Barmherzigkeit vor Recht“ (RB 64,10) übt und allen seinen
Söhnen „gleiche Liebe“ (RB 2,22) entgegenbringt.
Die liebende Sorge des Hirten, Lehrers und Vaters ließ Benedikt die
Regel, jene die Jahrhunderte überdauernde und bis heute nicht veraltete
Lebensordnung, schreiben. Die reiche Erfahrung eines Mannes mit allzeit
offenen Augen und hörendem Herzen vereinigt sich darum zu einem
ganzheitlichen Entwurf. In seiner Jugend in Nursia und Rom, in den
Jahren des Suchens in Enfide, in Vicovaro, in den Jahren äbtlichen
Dienstes in Subiaco und zuletzt in Monte Cassino hatte Benedikt manche
Lebensformen erleben und erproben können. Aus der Fülle dessen, was er
kennen gelernt hatte, hob er am Abend seines Lebens die Schätze, die ihm
wertvoll genug erschienen, weitergegeben zu werden. Er verband sie mit
dem, was er selbst im täglichen Miteinander und im steten Nachsinnen
über das Wort der Heiligen Schrift gelernt hatte, zu der Regel, die
Gregor der Große als „einzigartig in weiser Mäßigung, lichtvoll in ihrer
Darstellung“ (Dial. II,36) charakterisiert. Obwohl zunächst konkret für
Monte Cassino geschrieben, ist der Regel doch eine Allgemeingültigkeit
eigen, die von der Herzensweite ihres Verfassers ein beredtes Zeugnis
gibt.
Weite des Herzens
Auch als Herr und Vater der klösterlichen Gemeinschaft in Monte Cassino
wusste sich der hl. Benedikt gemeinsam mit seinen Brüdern in Christus,
dem eigentlichen Herrn und Vater des Klosters, unterstellt. Er, dem
seine Mönche Gehorsam leisteten, blieb selbst immer das Vorbild des
Gehorsams, der Mann mit dem hörenden Ohr, der es nicht unterließ, nach
der Weisung des Herrn zu fragen und sie in der Tat zu erfüllen. Diese
Haltung Benedikts deutet Papst Gregor ohne Unterlass in jedem Abschnitt
des zweiten Buches der Dialoge an: Benedikt ist vor allem der Mann des
Gebetes, der sich stets neu an den Herrn wendet, um neue Weisung zu
vernehmen. In dieser Haltung des betenden Hinhörens war Benedikt dann
auch bereit, sich in seinem Alter noch einmal korrigieren zu lassen. Es
wurde ihm aber auch geschenkt, einen Blick in die innersten
Zusammenhänge der Welt zu tun und so mehr von der Größe ihres Schöpfers
zu erahnen, als dies Menschen sonst zuteil werden mag. Obwohl Benedikt
sich nach dem Verlassen der Asketengemeinschaft in Enfide auch von
seiner Familie getrennt hatte, begegnet uns am Ende seines Lebens seine
Schwester Scholastika in der Nähe des Klosters. Von der letzten dieser
Begegnungen berichtet uns Gregor:
Einmal kam sie wie sonst, und ihr ehrwürdiger Bruder stieg in Begleitung
von Jüngern zu ihr herab. Diesen Tag verbrachten sie im Lob Gottes und
in heiligen Gesprächen. Bei Einbruch der Dämmerung nahmen sie gemeinsam
Speise zu sich. Als sie noch bei Tisch saßen und es über den geistlichen
Gesprächen recht spät geworden war, kam diese gottgeweihte Frau, seine
Schwester, mit einer Bitte. Sie sagte zu ihm: „Ich bitte dich, mich
heute nacht nicht allein zu lassen. Dann können wir uns bis zum Morgen
über die Wonnen des himmlischen Lebens unterhalten.“ Er aber erwiderte:
„Was sagst du da, liebe Schwester?“ Ich kann unmöglich außerhalb des
Klosters übernachten.“ (Dial. II,33)
Wie einst die Begegnung an jenem Ostermorgen mit dem Priester von
Gesprächen, vom Gebet und von gemeinsamen Mahl bestimmt war, so prägen
auch jetzt diese Elemente das Zusammensein Benedikts mit seiner
Schwester. Hatte Benedikt damals in der Höhle bei Subiaco die
Grundstrukturen christlichen Lebens kennen gelernt, so wird er hier noch
einmal in die Schule genommen. Er hatte seiner Brüdergemeinschaft eine
Lebensordnung gegeben, und die verlangte, dass keiner unnötig außerhalb
des Klosters übernachte. Jetzt am späten Abend bat ihn seine Schwester,
die Regel hintanzustellen und bei ihr zu bleiben. Benedikt schlug dieses
Ansinnen aus. Scholastika aber, einzig von der Liebe bewegt, wandte
sich, von ihrem Bruder abgewiesen, an Gott, und dieser erhörte ihre
Bitte. Im Nu verfinstere sich der bis dahin heitere Himmel,
wolkenbruchartige Regengüsse gingen nieder, und Benedikt war es
unmöglich, in sein Kloster zurückzukehren. Vorwurfsvoll wandte er sich
an Scholastika:
„Der Allmächtige Gott sei dir gnädig, Schwester, was hast du getan?“
Sie erwiderte: „Ach, ich tat eine Bitte an dich, aber du wolltest nicht
auf mich hören. Da habe ich meinen Herrn darum gebeten, der hat auf mich
gehört. Nun, geh du nur hinaus, wenn du kannst, lass mich allein zurück,
und geh du zu deinem Kloster zurück!“ (Dial. II,33)
Die heitere Ironie in den Worten Scholastikas ist nicht zu überhören.
Wie einst der Priester am Ostermorgen auserwähltes Werkzeug Gottes war,
so wurde jetzt Scholastika für den Bruder zum Werkzeug Gottes, um ihm zu
zeigen, dass seine Regel nicht letztes Gesetz ist, sondern dem Gebot der
Liebe unterstellt bleibt. Scholastika vermochte in jener Stunde mehr als
ihr Bruder, weil sie einzig von der Liebe bewegt war.
Kein Wunder, dass er in diesem Moment weniger vermocht hat als jene
Frau, die sich so lange danach gesehnt hatte, den Bruder zu sehen. Denn
nach dem Johanneswort: „Gott ist die Liebe“, hat nach gerechtem Urteil
jene mehr vermocht, die inniger liebte. (Dial. II,33)
Wenige Tage nach diesem Ereignis, da die Schülerin zur Lehrerin für
ihren Bruder geworden war, starb Scholastika. Der Tod der Schwester war
Benedikt gewiss Mahnung an das eigene Ende und ließ zugleich die
Sehnsucht nach dem Himmel größer werden, dem er sich in den Stunden des
Gebets am nächsten wusste. Von einer solchen Gebetsstunde im Schweigen
der Nacht berichtet Papst Gregor:
Während die Brüder noch schliefen, stand der Mann Gottes Benedictus …
am Fenster und betete zum allmächtigen Herrn. Plötzlich …, sah er, wie
ein aus der Höhe niederfahrendes Licht das nächtliche Dunkel gänzlich
vertrieb und so intensiv aufleuchtete, dass dieses Licht, inmitten der
Finsternis aufstrahlend, das Licht des Tages übertraf. Aber in dieser
Vision folgte noch etwas anderes, ganz Wunderbares: die gesamte Welt –
das erzählte er selber später – wurde ihm darüber hinaus in einem
einzigen Sonnenstrahl zusammengefasst vor Augen geführt. (Dial. II, 35)
Bereits als junger Mann, da Benedikt vom heimatlichen Nursia aufbrach,
war er ein Suchender. Gottsuche das Thema und der Inhalt seines Lebens.
Als sein Heimgang näher rückte, wurde ihm geschenkt, die zukünftige
Herrlichkeit zu schauen. In einer nächtlichen Vision wurde ihm die Welt
im Licht des Schöpfers gezeigt. Für eine Seele, die ihren Schöpfer
schaut, ist alle Kreatur beschränkt. Mag sie auch nur ein ganz klein
wenig vom Licht ihres Schöpfers schauen, so wird alles Geschaffene klein
… Der Ausdruck. „Die Welt wurde vor seinen Augen in eins
zusammengefasst“ bedeutet nicht, dass Himmel und Erde sich
verkleinerten, sondern dass sich des Sehers Seele weitete. Sie war in
Gott entrückt und sah darum ohne Mühe in einer Zusammenschau, was
niedriger als Gott ist. (Dial. II,35)
Benedikt, der immer in der Gegenwart Gottes wandelte und die Ankunft des
Herrn erwartete, ahnte die nahe Stunde seines Heimgangs. Er ließ sich
sein Grab bereiten und sich von seinen Jüngern in das Oratorium tragen,
wo er, der Mann des Gebetes, die Hände zum Himmel erhoben, sein Leben
Gott zurückgab. Der Todestag Benedikts, der 21. März, gilt seit der
Wende vom siebten zum achten Jahrhundert als bezeugt. Als Todesjahr
nennt die Tradition das Jahr 547. Der Leichnam des Mönchsvaters wurde in
dem von ihm errichteten Oratorium Johannes des Täufers bestattet. Über
den Tod hinaus bleibt der hl. Benedikt mit seiner Regel bis heute
lebendig als bewährter Helfer auf der Suche nach Gott. Wie der Täufer
weist der Mönchsvater von sich weg auf den Größeren, dem er die Wege
bereitete. Demütig stellt er sich in die Reihe der Brüder und sagt ihnen
damals wie heute: „Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt und
der nach mir kommt; ich bin nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren“ (Joh
1,26f.)
Abt Barnabas Bögle OSB, Ettal
zurück >>>
|
 |